Ein Dorf, kein Internet

Folge 18 | erhaltenes Stichwort: Das Anderssein

Heute habe ich versucht, eine E-Mail zu verschicken und hätte fast aufgegeben. Und dabei war da nicht einmal ein Anhang dabei – keine 20 Bilder oder ein 500-seitiges Manuskript. Nein, nur eine normale E-Mail. Mit Text.

Warum?“, fragen sich jetzt einige und runzeln die Stirn.

Ich weiß ganz genau, dass diese Leute, die gerade keinen blassen Schimmer haben, von was ich rede, gerade ihr tolles Glasfaser-Internet genießen und ES KOTZT MICH AN! Wahrscheinlich laufen gerade 50 Downloads gleichzeitig während ihr diesen Blog lest, oder? Und nebenher streamt ihr noch eine Netflix-Serie und seid problemlos mit 10 Geräten im WLAN, oder?

Wenn man in einem Dorf lebt, in dem zurzeit mehr Waldheim-Kinder durch die Straßen laufen als Bits durch die Leitungen, dann ist alles ein bisschen anders:
Willkommen in einer Welt, in der man einen Brief schneller verschickt als eine E-Mail. In einer Welt, in der man lieber in der Buchhandlung anruft und in die Stadt fährt, statt ein Buch online zu bestellen.

Hier stellt sich nicht die Frage: Schau ich jetzt was auf Netflix, Youtube, Amazon Prime oder doch im Öffentlich-rechtlichen. Pah. Hier gibt’s nur ARD, ZDF oder ich leg mich ins Bett.

Ja ja, das Leben auf dem Land ist toll und alles. Es ist ruhig und idyllisch und der einzige Lärm kommt vom Nachbarn, der seinen Rasen mäht – in einem Garten, der wahrscheinlich 10 Hektar groß ist. Man kann Baumhäuser bauen und lange laufen und den Wald anstarren. Alles wunderbar, aber im 21. Jahrhundert wäre es nicht schlecht, wenn man ab und zu ein kleines bisschen Internet benutzen könnte. Zum Beispiel, um eine E-Mail zu verschicken.

Wenn aber nicht einmal das POSTFACH lädt, dann bin ich kurz davor den ganzen Krempel aus dem Fenster zu werfen.

Viele mögen jetzt denken: Also, das ist doch übertrieben, so schlimm kann es doch nicht sein – aber hallo!

Um eine lächerliche, 45-minütige Serie auf iTunes herunterzuladen, habe ich den Laptop schon über Nacht laden lassen. Nur, um am nächsten Morgen festzustellen, dass der Download abgebrochen wurde, weil „keine Verbindung“.
Von da an bin ich öfter 20 Minuten zu meiner Oma gefahren, um das bei ihr in nie dagewesener Geschwindigkeit zu erledigen.

Ich muss mit meinem E-Book und meinem Handy aus dem WLAN rausgehen, damit sich mein Laptop das Internet aus dem Router saugen kann und damit ich halbwegs im Internet surfen kann. Und ich rede hier nicht von Surf-Genuss à la Die-Seite-hat-geladen-bevor-ich-auf-Suche-klicke, ich rede hier von Ich-Warte-5-Minuten-bis-die-Seite-geladen-hat. Auf dem Land bekommt man Fehlermeldungen, da wissen die meisten gar nicht, dass sie überhaupt existieren. Meine liebste ist:

Fehler: Server nicht gefunden.

Abgesehen davon, dass ich keine Ahnung habe, was man mir damit sagen will, hat mich diese Fehlermeldung schon sehr ungehalten werden lassen. Normalerweise bin ich ein friedfertiger Mensch, aber das Dorf-Internet kriegt mich immer wieder: Ich habe unlängst meinen Laptop kaputt getrümmert, nur weil ich mit der Faust so heftig auf die Tastatur geschlagen habe, dass der Ofen aus war. Kein Scherz.

Doch Geduld, bald ist alles vorbei, denn zum erstem Mal seit dem Urknall ist es in meinem Dorf lauter als das Dröhnen eines Rasenmähers: Die Dorfstraße wird gerade aufgerissen und neue Leitungen werden verlegt. Bald, bald, in wenigen Monaten gibt es tolles Internet und das ganze Dorf surft mehr als ein Beachboy am Strand.

Bis dahin brauchen wir hier viele Nerven und viel Zeit.

Es ist jetzt halb zehn morgens.

Ich hoffe, ich schaffe es, diesen Blog vor dem Abendessen zu veröffentlichen.



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Es hat viel zu lange gedauert, um dieses Bild eines willkürlichen Dorfes hochzuladen.