Behörden & Beantragen – ICH RASTE AUS!

Folge 17 | erhaltenes Stichwort: Opfer

Neulich bekam ich Post, da hätte ich am liebsten draufgekotzt. Alleine die Betreffzeile musste ich zweimal lesen, um sie entziffern zu können:

Ausbildungsförderung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG)
Anforderung fehlender Nachweise – Unterlagen

Es gibt genau zwei Dinge, die ich dazu zu sagen habe.

Erstens: Wer ein Wort mit 33 Buchstaben in einem Brief verwendet, der sollte nach meinem Befinden dazu gezwungen werden das Wort „Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung“ hundertmal in Stein zu ritzen. Mit einem Buttermesser.

Zweitens: „fehlende Nachweise“. AHRG! Ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe es schon beim Absenden befürchtet. Ich habe mir gedacht, dass die deutsche Bürokratie nicht mit meinem Antrag zufrieden ist.

Ich will mich als baldiger Student nur für finanzielle Hilfe vom Staat bewerben. Dazu muss ich viele Angaben machen – verstehe ich. Und ich will ja auch helfen, damit die Bürokraten mir helfen können. Aber es geht nicht. Ich bin ein Opfer der deutschen Sprache geworden, denn ich raffe die Bewerbungs-Formulare nicht. Und ich raffe nicht, warum ich das nicht raffe. Ich bin Deutscher und lese Deutsch und ich verstehe es einfach nicht. WIE KANN DAS SEIN?

Warum muss alles so kompliziert und geschwollen-stock-ärschlich formuliert sein? Warum fragt das Formular, ob ich „Leistungen von einem Begabtenförderungswerk“ beziehe? Warum nicht einfach „Bekommen sie ein Stipendium?“

WARUM?

Nebenbei gefragt: Gibt es das Wort „Begabtenförderungswerk“ überhaupt? Im Duden hab ich's nicht gefunden.

Wie soll ich eine „Rechnung zu den Studiengebühren“ auftreiben, wenn ich noch gar nicht studiere und zahle? ICH RAFF ES NICHT! Wer kann eine solche Rechnung vorlegen, wenn man sich mindestens sechs Monate vorher bewerben soll?

Und überhaupt: Warum muss ich einen Nachweis nachschicken, wie hoch meine Studiengebühren in England sind? Die Studiengebühren in England sind kein Geheimnis. DAS STEHT SOGAR IM INTERNET! IM FREIEN, FÜR ALLE MENSCHEN ZUGÄNGLICHEN, INTERNET! Aber nein. Jetzt muss ich meiner zukünftigen Uni einen Vordruck schicken, die den ausdrucken muss und ausfüllen und stempeln muss, dann wieder einscannen muss und an mich zurückschicken muss. Und dann muss ich den Vordruck an die BaföG-Stelle schicken, nur, damit jemand dieses Produkt harter Arbeit etwa zwei Sekunden anschaut und sich denkt: „Oh, stimmt, es sind tasächlich die gleichen Studiengebühren WIE ES IM INTERNET STEHT!“

Aber es wird noch besser! Ich muss ein weiteres Formular („Anlage zu Formblatt 6“) nachreichen, dass ich beim ersten Antrag nicht mitgeschickt habe.

Ja, warum denn wohl nicht?

WEIL ICH NICHT EINMAL WUSSTE, DASS ES EXISTIERT! Auf der Website der BaföG-Stelle sind „alle Antragsformulare“ zum Herunterladen – NICHT! „Anlage zu Formblatt 6“ ist nämlich nicht so einfach zu finden und schon gar nicht unter „alle Antragsformulare“. Es spielt sozusagen Verstecken mit dem Antragssteller. Und ich sage euch, das Internet ist ein guter Ort zum Verstecken.

Ich habe so langsam das Gefühl, dass die deutschen Behörden hoffen, dass man beim Antragsversuch an einem Herzinfarkt stirbt oder wahlweise das Studium bereits beendet hat, wenn BaföG schließlich bewilligt wird. Dann könnten die Bürokraten die finanziellen Hilfen für Studenten für Heftklammern oder einen anderen feuchten Traum ausgeben.

Parallel dazu beantrage ich finanzielle Hilfe von der englischen Regierung. Meine Fresse war das einfach. Das beste Formular, das ich je gesehen habe. Keine sechs Formblätter, keine abtrünnigen Anlage-Formularen, keine nervige Recherche, welche Formblätter ich brauche, nein: Ein langes Teil. Farbig zur Veranschaulichung. Einfache Sprache, klar und verständlich. Ich habe alles verstanden und dabei bin ich noch nicht einmal Muttersprachler in Englisch!

Falls ich etwas nicht verstanden hätte, hätte ich das englische Hilfecenter von Montag bis Freitag erreichen können, 8 bis 23 Uhr. Bei BAföG geht das nur montags und mittwochs. In einer Zeitspanne von jeweils drei Stunden. Drei Stunden?? SAG MAL, HABT IHR NICHT MEHR ALLE AKTEN IM SCHRANK?

So. Genug geschimpft, ich muss nun die fehlenden Nachweise zusammentragen. Und alles ausfüllen. Und das Hilfecenter anrufen. Nochmal.

Aber erst brauche ich Baldrian.

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So etwa sieht's zurzeit auf meinem Schreibtisch aus.