Der Neid und ich

Folge 16 | erhaltenes Stichwort: Neid

Neulich war ich wieder schrecklich neidisch – nicht etwa auf George Clooney, wegen seines Images als unwiderstehlicher Frauenschwarm und berühmter Schauspieler. Auch nicht auf US-Präsident Donald Trump, der sich mit knackigen 70 Jahren noch verhalten darf wie ein Kleinkind.

Nein, ich war neidisch auf Tim Doner.

Ganz zufällig bin ich auf ihn gestoßen – über ein Video auf Youtube[1]. Der Titel behauptet „Teenager spricht über 20 Sprachen“.

Im Video erzählt Tim von den zahlreichen Sprachen, die er sprechen kann: Französisch, Arabisch, Hebräisch, Farsi, Chinesisch, Russisch.
Ich bin sehr sicher in Hindi und Urdu oder auch Indonesisch. Mit ein bisschen Übung geht für mich auch Türkisch sehr gut. Mein Italienisch ist nicht so gut, aber ich denke, ich verstehe es ziemlich gut.“

Ich halte einen Moment inne und denke daran, wie ich schon genug Probleme damit habe, das Englisch-Niveau für mein kommendes Studium in London zu erreichen. Ganz zu schweigen von meinem Schul-Französisch, das mich immer mehr im Stich lässt. Im Studium kann ich vielleicht ein wenig Arabisch lernen, aber das Niveau, dass Tim in zig Sprachen erreicht hat – unerreichbar und einzigartig. Da könnte man echt neidisch werden, über so viel Leichtigkeit mit Fremdsprachen.

Ein kurzer Blick in die Kommentare unter dem Video verrät, dass ich nicht alleine bin. Das Top-Kommentar: „Ich bin irgendwie neidisch.“ Es hat fast 1800 Likes, meines eingeschlossen.

Neid!

Ich will mehr wissen über dieses „Wunderkind“ und suche deshalb im Internet nach ihm.

Tim Doner ist Amerikaner und studiert in seinem letzten Jahr in Harvard, einer der besten Universitäten der Welt, laut aktuellem Uni-Ranking unter den Top-3[2].
Schon wieder Neid! Wahrscheinlich schreiben die Unis ihm Bewerbungen und nicht andersrum....

Er ist 22 Jahre alt.
So jung? Immerhin ist er älter als ich, da hab ich noch zwei Jahre. Kurzes Innehalten. So jung?

Er gilt als der „jünste Polyglott [Mehrsprachler] der Welt“.
Ok. Vielleicht bin ich doch zu spät...

Über ihn wurde in der „New York Times“ und im „Economist“ geschrieben, auch die BBC hat über ihn berichtet – weltweit wird über ihn gestaunt.
Mein Blog hat ungefähr zehn Leser, meine Mutter, Oma und Freunde eingeschlossen. Wenn ich daran denke, dass ich manchmal Schwierigkeiten habe, einen Artikel in der Lokalzeitung zu veröffentlichen, bei der ich als Freier Mitarbeiter angestellt bin... Neid!

Dann stoße ich auf ein weiteres Video von Tim Doner[3]. Ein Vortrag, kein Bericht.

Zunächst spricht Tim darüber, wie ihn die Medien als Sensation behandeln, wie einen Affen im Gehege. Er kommt eigentlich gar nicht so recht zu Wort: „Tim, könntest du unseren Zuhörern bitte demonstrieren wie manGuten Morgen und danke für's Zusehen‘ in Arabisch sagt?“
Wow, toll! Als nächstes bitte einen Zungenbrecher auf Chinesisch!“
Super, und nun ‚Auf Wiedersehen!‘ in Türkisch bitte!“

Doch in seinem Vortrag kann er schließlich über das reden, was ihn eigentlich fasziniert an Sprachen: Seine Methoden, wie er Sprache lernt, an Eselsbrücken baut, Spaß an der Sache hat. Wie er Vokabeln an realen Orten und Gegenständen festmacht.

Er stellt sich also in seinem Kopf vor, wie er den „Union Square“ in New York entlangläuft, etwas, das er jeden Tag macht: „...ich geh ein bisschen weiter, gehe nach rechts, da kommen Stufen, auf denen kann ich ‚Suwaru‘ [‚Sitzen‘ in Japanisch]. Nördlich von da ist eine Statue von George Washington, bei der ich immer gedacht habe, sie sei eine Fontäne, also wäre das ‚Namu‘ [‚Drinken‘ auf Japanisch]...“.

Das finde ich so spannend – ich vergesse plötzlich, neidisch zu sein, ganz anders als beim Teenager-spricht-über-20-Sprachen-Video zuvor. Es geht nicht mehr um Fakten und Sensationen, sondern um einen Menschen, der etwas von seiner Leidenschaft erzählt. Tim Doner beendet den 15-minütigen Vortrag mit einer wichtigen Beobachtung:

Tatsächlich stirbt alle zwei Wochen eine andere Sprache auf unserem Planten aus, ganz einfach, weil sie keiner mehr spricht. [...] Natürlich: Wenn Sie einen Japanischkurs besuchen, werden sie das Sprachsterben nicht verhindern können. Doch was es tatsächlich tut – es lässt sie verstehen, dass jede Sprache in seinem Sinn und seiner Art eine kulturelle Weltanschauung repräsentiert. Und wenn ich Ihnen heute irgendetwas mitgeben kann, dann ist es das: Wörter kann man sehr leicht übersetzen, jedoch nicht ebenso deren Bedeutung.“

Das Video ist zu Ende und irgendwas hat sich in mir verändert.

Ich fühle mich wieder wohl und kann Tim Doner bewundern – ganz ohne Neid. Warum auch neidisch sein?

Ich wette, George Clooney wünscht sich manchmal auch ein normales Leben. So eines wie ich habe!

Warum ist man nicht mal einfach zufrieden mit sich selbst?

Warum?

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Warum ist er auf einem größeren Podest als ich?