Unzustellbar: Ihr letzter Brief an die Front

Folge 13 | erhaltenes Stichwort: Brief

Es sind nur zwei gestempelte Worte, so nüchtern, und doch waren sie Überbringer einer schrecklichen Vermutung: „Zurück! Unzustellbar.“
Im 2. Weltkrieg war das Bangen um Feldpost besonders groß – ängstlich warteten die Familien auf ein Lebenszeichen der Soldaten, die an der Front kämpften. Wurde ein Brief jedoch mit diesem Vermerk an den Absender zurückgeschickt, mussten die Angehörigen mit dem Schlimmsten rechnen.

Und in der Tat hat der Brief, der hier erstmals veröffentlicht wird, niemals die Person erreichen, für die er bestimmt war. Es ist ein Neujahrs-Brief an einen der schlimmsten Orte des 2. Weltkriegs: Stalingrad[1].

Es sind Schicksale wie diese, an die wir uns erinnern sollten – auch zu heutigen Zeiten, wo ein Krieg weit entfernt scheint. Es sind Briefe wie diese, die aus der Vergangenheit mehr machen, als eine Abfolge von Zahlen und Daten. Es sind tragische Geschichten wie diese, die uns daran erinnern sollten, wie sinnlos Krieg ist.


Ettlenschieß, den 1. Januar 1943

Mein über alles geliebter Mann.

Der erste Gruß im neuen Jahr gilt dir!
Ob er dich erreicht, weiß ich nicht, denn noch immer hab ich keine Post von dir. Die Tage seit Weihnachten waren mir wie unter einer schweren Last, wie im Traum; aber jetzt bin ich wieder etwas mutiger, ich weiß dich und unser Leben in sicherer Hand und es wird alles so kommen, wie es gut und recht für uns ist. Mit neuem Mut wollen wir in die Zukunft blicken.

Was uns das neue Jahr bringt, wissen wir nicht, aber wir wollen uns gegenseitig helfen und treuster Kamerad sein, in Glück und in Leid und vor allem groß und weit leben und denken.

Gestern Abend ging ich früh zu Bett. Es war mir erst recht ernst zumute, denn die Gedanken hingen rückwärts und da waren viele Punkte, die schweres bargen, aber am Ende dann wurde mein Herz ruhig, denn ich weiß mich mit dir und unseren Kindern bei dem geborgen, der unserem Leben Anfang und Weisung gab und gibt. Mündlich könnte ich über alles besser mit dir reden, aber wir wollen miteinander im neuen Jahr mehr denn je tapfer und mutig sein, weil wir Kinder Mutter Gottes sind und damit Sonnen- und Lichtmenschen, die trotz allem Leid und trotz allem den Flug und den Schwung nicht verlieren und die in dem alles weit, weit überwinden, weil wir in Ewigkeiten und für Ewigkeiten wirken, auch wenn unsre irdische Hülle bricht, denn alles bleibt uns ja nur Gleichnis.

So bin ich in dieser Stunde über Raum und Zeit dir innigst nahe und grüße dich liebend und halte Zwiesprache mit dir. Dein Heidikind probierte dir zu schreiben. Es ist ein kleiner Versuch. Die Kinder sind munter, sie schicken dir liebste Grüße und Küsse.

Immer und ewig deine Hedwig und deine Kinderlein.


Seit genau diesem Tag, dem 1. Januar 1943, galt Hedwigs Ehemann in Stalingrad als vermisst, diesen letzten Brief bekam er nie zu Gesicht. Erst nach Jahren der Ungewissheit erfuhr Hedwig, dass ihr Mann an seinen Verletzungen in Stalingrad gestorben ist.

[Abschrift und Besitz des Briefes: Maximilian Tkocz]

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Der Brief mit dem Stempel: „Zurück! Unzustellbar.“