Ein politisches Märchen: „Nicolas & der Schurke“

Folge 12 | erhaltenes Stichwort: die „Liebe auf den ersten Blick“

Es war einmal ein Innenminister in einem Land, in dem man gerne Croissant aß. Er war durch und durch Politiker und hatte mehr Leichen im Keller als Lord Voldemort. Nennen wir ihn einfach Nicolas(1).

Als Nicolas eines Tages mit seiner Frau am Frühstückstisch saß und sein Croissant in einen frisch gepressten Organgensaft tunkte, dachte er über die Welt nach. Wie schön wäre es doch, dachte er sich, der mächtigste Mann in seinem geliebten Land zu sein.

Als Innenminister war er zwar schon sehr beliebt unter seinem Fußvolk und hatte gute Aussichten, die nächste Wahl zu gewinnen – allerdings brauchte er ein wenig Geld. Die Wahlplakate würden sich eben nicht von alleine drucken. Außerdem muss er den frisch gepressten Orangensaft und die Croissants bezahlen.

Also fragte er einen Mann namens Gaddafi zu Hilfe(2).

Gaddafi hat sein Land bereits regiert, da war Nicolas noch nicht einmal mit seinem Abitur fertig. Außerdem war Gaddafi generell kein großer Menschenfreund(3). Doch das störte Nicolas eher weniger. Natürlich hätte er niemals die blutige Hand eines bösen Menschen geschüttelt, aber zum Glück wusch sich Gaddafi seine Hände regelmäßig mit Öl.

Gaddafi kam die überraschende Anfrage von Nicolas gerade recht, denn er war in den letzten Jahren nicht immer beliebt im Westen gewesen. Nicolas bat ihm jedoch die optimale Gelegenheit, seinen schlechten Ruf etwas aufzubessern.

Und da er über genügend Geld verfügte, gab er seinem neuen Freund eine Menge davon – so viel, dass Nicolas dafür über 100 Millionen Croissants kaufen hätte können(4). Im Gegenzug versprach Nicolas seinem Kumpel, dass er ihn wieder salonfähig machen würde.

Da Nicolas ein cleverer Bursche war, lud er Gaddafi zum „Welttag der Menschenrechte“ ein(5) – endlich würde der Diktator der ganzen Welt zeigen können, wie toll er seine Hände immer mit Öl wäscht.

Als Gaddafi am 10. Dezember 2007 nach über 30 Jahren erstmals wieder die Hauptstadt von Nicolas besuchte, gab es zwar einiges Misstrauen. Auf der anderen Seite war es nicht allzu ungewöhnlich, dass ein Diktator im Westen mit einem freundlichen Lächeln empfangen wurde.

Zufrieden ging Nicolas an diesem Abend ins Bett. Der Handel war erst einmal geglückt.

Doch als Nicolas am nächsten Tag aufwachte, bekam er einen seltsamen Schweißausbruch. Was, wenn alle von meinem Deal mitbekommen, dachte Nicolas verzweifelt? Im Gefängnis würde er keine Croissants in den frisch gepressten Orangensaft tunken können. Plötzlich bekam er es mit der Angst zu tun.

An diesem Morgen trank er keinen Orangensaft und aß auch kein Croissant. Den ganzen Tag verbrachte er in seinem Zimmer und dachte nach.

Die Jahre vergingen und die Beziehung zwischen den beiden „Freunden“ kühlte ab. Nicolas genoss viele Croissants während dieser Zeit und beobachtete, wie ein Playboy mit dem Namen Silvio(6) eine sehr intime Freundschaft mit Gaddafi anfing(7). Silvio war schon immer auf der verzweifelten Suche nach Menschen, die noch komischer waren als er selbst – und mit Gaddafi war es Liebe auf den ersten Blick. Silvio war deshalb auch sehr traurig, als Gaddafis Volk seinen lieben Freund plötzlich nicht mehr haben wollte. Das war 2011(8).

Nicolas hingegen sprang freudig vom Stuhl auf, als er hörte, dass es Probleme in Libyen gab. Mittlerweile waren sich Nicolas und Gaddafi nämlich nicht mehr sonderlich grün: Das Geld für die Croissants und den frisch gepressten Orangensaft war aufgebraucht. Der Beweis für den Deal musste weg – zusammen mit Gaddafi.

Clever wie Nicolas war, rief er als erster dazu auf, dass dieser Schurke gestürzt werden müsse und stellte sich auf die Seite der Aufständischen(9). Es war nicht schwierig, die anderen westlichen Länder zu überzeugen: Bei Öl gingen Länder traditionell gerne über Leichen. 

Bald war Gaddafi tot und in seinem Land herrschte mehr Unordnung als im Zimmer eines Teenagers(10)

Nicolas galt nun als der mutige Beschützer der Demokratie: Er hatte die Welt von einem üblen Schurken befreit. Schurken-Töter, dachte sich Nicolas – nach Präsident eine weitere Fähigkeit, die er in seinem Linkedin-Profil auflisten konnte. Nicolas konnte sich ein Lächeln nicht unterdrücken.

Zur Feier des Sieges trafen sich alle westlichen Staatsmänner in einem schönen Zimmer und prosteten sich mit frisch gepresstem Orangensaft zu: „Auf die westlichen Werte!“ 

Alle waren glücklich und zufrieden.

Und wenn Nicolas nicht festgenommen wurde, dann lächelt er noch heute.

Hilf mir, diesen Blog zu teilen:




Der Schurke Gaddafi