Wie Blokade beschloss, einen Neuanfang zu wagen


Folge 3 | erhaltenes Stichwort: Flow

Zwei alte Bekannte haben sich verabredet: Wie jedes Jahr treffen sich Flow und Blokade in einem Kaffee in Rom. Es ist mittlerweile zu einer Tradition geworden und auch heute sind beide gekommen, obwohl sie am liebsten zuhause geblieben wären.

Beide wissen genau: Blokade wird nach dem Treffen noch mehr in Selbstmitleid versinken und für Wochen nichts Kreatives zustande bekommen. Flow wird sich hingegen seltsam gehemmt und unkreativ fühlen. Am Ende des Treffens sind alle Beteiligten froh, ein gutes Jahr nichts mehr voneinander hören zu müssen. Und doch, irgendwie kommen sie immer wieder zusammen, jedes Jahr.

Flow bestellt fünf Espressi und ein Tiramisu, Blokade lediglich ein stilles Wasser.

„Na? Wie geht’s dir, alter Kumpel? Alles fit?“ Flow kann sich kaum auf dem Stuhl halten und zappelt hibbelig mit den Beinen.

Blokade schaut leicht irritiert. „Ja... Ähm... Ich weiß nicht, ich komme schon klar, denke ich...“

Das ist toll, großartig. Wie läuft's mit dem Roman, an dem du letztens geschrieben hast?“

„Also, um ehrlich zu sein–“

Bitte erzähl mir nicht, dass du mal wieder – mittendrin – alles hingeschmissen hast? Ich hab dir schon oft gesagt: Man muss dranbleiben, Hintern hochkriegen, kämpfen – aah, wunderbar, da kommt schon das Tiramisu.“

Naja...“ Blokades Blick ist fest auf das Wasserglas gerichtet. „So einfach ist das nicht, weißt du–“

Ach, komm schon“, sagt Flow mit leichter Stimme. „Du musst eben mal wieder rauskommen, feiern, Erfahrungen sammeln. Du staubst nur deine Bude voll mit deiner miesen Laune. Dann weißt du auch wieder, wie sich das anfühlt – wenn alles fließt und geht, wenn alles funktioniert – voll im Flow und nichts kann dich stoppen, peng, peng, peng–“

Blokade rümpft die Nase. „Sag mal, geht’s dir gut? Du wirkst leicht...“

Ja, klar, mir geht’s blendend.“ Flow kann ein Grinsen nicht unterdrücken. „Zugegeben, ich bin etwas energiegeladen, übermorgen wird mein Roman veröffentlicht – du weißt schon, mit der Nacktschnecke, die während des Regens in diese Reflektionsprozesse kommt und entdeckt, wie zufällig das Leben mit uns spielt – und ich habe alle Hände zu tun mit – hey, wo willst du hin?“

Blokade war abrupt aufgestanden. „Tut mir leid, ich halte das nicht aus.“

Jetzt warte doch mal!“ Flow erhebt sich ebenfalls. „Ich kann ja verstehen, dass das für dich ein bisschen – ähm – schwierig ist, aber du–“

„Schwierig? Blokade schnaubt laut auf. Schwierig?

Flow blickt leicht unsicher. „Naja– ähm – oder nicht...?“

„Du bist wirklich unfassbar.“ Blokades Stimme war gefährlich leise. Du kommst hier an, mit deinem dummen Grinsen und denkst du wärst der größte Lyrik-Gott und erzählst mir, welche tollen Romane du veröffentlichst und denkst, ich finde das auch noch ganz wunderbar? WEIßT DU EIGENTLICH WIE SOWAS ANKOMMT?“

Also, es tut mir–“

NEIN – NATÜRLICH NICHT. WIE AUCH, DU HAST JA STÄNDIG NEUE IDEEN, UND SO KREATIV, MENSCH, DA FREUE ICH MICH FÜR DICH, DAS IST DOCH TOLL!“

Wutschnaubend verlässt Blokade das Kaffee und lässt Flow verdattert vor seinen fünf Espressi sitzen. Blockade entwischt ein grimmiges Grinsen – plötzlich fühlt Blokade sich großartig, mit dem Gefühl, den besten Roman schreiben zu können, den die Welt je gesehen hat. Mit viel Blut. Und Rache.

Eine neue Schreibmaschine wird die erste Tat des Neuanfangs, beschließt Blokade.