London: Der Dorfjunge in einer anderen Welt

Folge 5 | erhaltenes Stichwort: Augenblick

Ich bin an einem Ort aufgewachsen, an dem wahrscheinlich mehr Katzen als Menschen leben – nun wohne ich in London. Klar, dass da der Kulturschock für den kleinen Dorfjungen nicht ausbleibt. Doch abgesehen vom Unterschied zwischen Land und Großstadt ist vor allem eine Sache neu für mich: Außergewöhnliche Augenblicke und einmalige Erlebnisse. 

Auf dem Land ist man schon glücklich, wenn man ein Reh in 100 Meter Entfernung sieht – wow, da passiert endlich was! Oh, schau mal! Da ist ja noch eines!

Was soll in meiner Heimat passieren?
Der Augenblick, wenn du erfährst, dass dein Zug 10 Minuten Verspätung hat?
Der Augenblick, wenn die Rosinen im Edeka nicht mehr an der gewohnten Stelle sind?

Versteht mich nicht falsch – das Leben im Dorf kann großartig sein. Aber die Dimensionen sind eben anders als in einer Großstadt wie London. Da sieht man zwar keine Rehe, aber Dinge, die sind auf dem Land unvorstellbar.

Während der Mittagspause im Herzen Londons spazieren zu laufen ist besser, als jede Reality-Show: Vor der St Paul’s Cathedral, zum Beispiel, steht ein asiatisches Paar auf einer Rasenfläche und lässt sich mit der Kirche im Hintergrund fotografieren – sie im Brautkleid, er im strahlend weißen Anzug. Fünf Fotografen und Helfer schwirren um die beiden herum, zupfen das Kleid zurecht und fixieren die Haare. Die dominante Mutter reden auf die vor Kälte zitternde Braut ein. Um das gesamte Szenario stehen dutzende Menschen – Touristen und Banker – essen ihr Sandwich und schauen einfach zu.

Zwei Straßen weiter, im Londoner Bankenviertel, hat die Mittagspause auch bereits angefangen: Hunderte maßgeschneiderte Anzüge ziehen durch die Straßen, rauchende Geschäftsfrauen und telefonierende Geschäftsmänner, Schwärme von Bankern und Bürokraten, die Elite des Landes auf der Suche nach McDonalds. 

Ich bin einfach nur mit der Masse mitgelaufen. Das war großartig, ich kam mir vor wie im Geschäftsleben. Für manche mag das seltsam klingen, aber wer 10 Jahre lang in einem Dorf mit 300 Einwohnern gewohnt hat, versteht mich: Da wird ein Anzug nämlich ausschließlich von Zeugen Jehovas getragen.

Es sind diese besonderen Erlebnisse, die herausfordern. Etwas, das ich in meiner Heimat nie erfahren hätte. Und genau das macht für mich den Reiz der Großstadt aus – das Neue und Unbekannte, das Fremde und Seltsame.

Und auch wenn die Hemmschwelle nach Monaten in London mittlerweile gesunken ist – es gibt Augenblicke, in denen ich noch der kleine Junge aus dem Dorf bin und eiskalt erwischt werde. 

Doch das ist eine andere Geschichte. Darüber mehr in der nächsten Folge.

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Menschenmenge am Piccadilly Circus während des Lichfestivals "Lumiere London".