Exklusiv: Gastbeitrag einer Schneeflocke


Folge 4 | erhaltenes Stichwort: Schnee

Die Dunkelheit hüllt alles ein. Es ist still, der Schnee rieselt leise und bedeckt – Flocke für Flocke – erst die Haare, die Jacke und dann die ganze Straße. Die Laternen sind die einzigen Lichtquellen und tauchen die ganze Szene in ein warmes, gelbes Licht. Man kann den Schnee förmlich hören, wie er knisternd aufkommt.

Einmal mehr frage ich mich: Woher kommt ihr? Von welchen Reisen und Orten würdet ihr Schneeflocken wohl erzählen? 

Die Welt aus der Sicht einer Schneeflocke – ja, das wäre großartig.

Besonders freue ich mich deshalb über den nächsten Gastbeitrag. Denn zum ersten Mal, exklusiv auf diesem Blog, hat sich eine Schneeflocke – nach anfänglichem Zögern – bereit erklärt, ihre Erfahrungen zu teilen und uns einen ganz eigenen Rat mitzugeben:

Liebe Menschenwesen, 

lange habe ich darüber nachgedacht, was ich mit euch teilen möchte. 
Der Autor dieses Blogs schlug vor, lustige Anekdoten zu erzählen, von besonderen Momenten, Erlebnissen und Orten, an denen ich war. Doch das werde ich nicht tun, denn das Prinzip der Unterhaltung hat sich mir nicht erschlossen. 
Viel mehr werde ich über ein Thema schreiben, das mir wichtig ist und die gegebene Platform nutzen, um meine Sorgen über den Zustand der Menschenwesen zu vermitteln.

Schon immer war es uns Schneeflocken ein Mysterium, wie ihr Menschenwesen leben können – mit solch einer Hektik, solch einem Stress. 
Auch der Autor dieses Blogs hat mir eine Deadline gesetzt und behauptet, er benötige meinen Beitrag innerhalb weniger Tage. Das ist bedauerlich, denn dabei vergisst er, wie alle anderen Menschenwesen auch, dass der Aspekt der Zeit gänzlich unwichtig ist. Zeit ist nichts, im Vergleich zu dem, was die Menschenwesen im Leben leider verpassen. Sie leben, das schon, aber sie erleben nicht. Und das ist genau das, was ich euch ans Herz legen möchte.

Das Leben von uns Schneeflocken besteht aus nichts anderem als Erleben. Wir fliegen, schweben, treiben, landen, schmelzen, verfließen, steigen, vermischen, lauschen und empfinden. Was ist schon Zeit, wenn man nichts erlebt? Es ist doch eigentlich nichts anderes, als ein Überleben ohne zu erleben.

Viele Menschenwesen werden jetzt sagen, ich hätte gut reden. Schneeflocken leben ewig, werden sie sagen, sie wandeln sich nur in Wasser, aber werden eben immer wieder zu Schneeflocken. Und deshalb hätten wir einen verzerrten Blickwinkel, nicht wahr? Für Menschenwesen ist die Zeit ja begrenzt, nicht wahr?

Aber ich antworte den Menschenwesen eines: Wenn ich könnte, würde ich mir wünschen, dass mein Leben vergänglich wäre und nicht grenzenlos.

Denn ein Privileg habt ihr Menschenwesen: Eure erlebten Momente bedeuten mehr, sie sind viel wertvoller, weil ihr eines Tages vergehen könnt. Ein Vorteil, von dem wir Schneeflocken nur träumen können. Ich wünschte nur, ihr würdet es auch als solchen sehen. Tut das, was ihr tun könnt: Haltet inne, bleibt stehen, atmet ein und erlebt! Dann kommt ihr der Unendlichkeit einen kleinen Schritt näher.“

Sabrina, Diplom-Schneeflocke (SfA)

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Portrait von Schneeflocke Sabrina am Lake Louise in Kanada.