Die seltsame Geschichte von Marvin, dem Maulwurf

Folge 8 | erhaltenes Stichwort: Klarheit

Marvin, der Maulwurf war schon immer ein besonderer Geselle gewesen. Denn anders als seine blinden Brüder konnte Marvin sehen, wo er hinlief.

Doch so dankbar er auch für seine Gabe war und die Welt um sich beobachtete, so fühlte er sich oft einsam. Keiner der Maulwurf-Damen wollte ihm zuhören, wenn er von den Dingen erzählte, die sich da draußen bewegten und von den Farben, die da existierten: das grüne Gras und die bunten Blumen.

Marvin war für die anderen immer der Sonderling und für ihn waren die anderen langweilig. Darum blieb er lieber alleine und verbrachte stundenlang damit, aus dem Loch zu schauen, während alle anderen in den dunklen Höhlen schufteten, Löcher gruben und Gänge schaufelten.

Marvin träumte davon, eines Tages eine Maulwurf-Dame zu treffen, die auch seine Gabe besaß. Doch das war mehr Traum als Wirklichkeit, denn er hatte noch nichts gehört, von jemandem, der ihm gleicht: Alle Maulwürfe, die er bisher gesehen hatte, waren stockblind. Andererseits war er noch sehr jung, sagte er sich gerne – wer weiß, was noch alles auf ihn wartet. Ganz hatte Marvin noch nicht aufgegeben.

Und tatsächlich: Eines Tages wurde Marvin fündig und verliebte sich. Dummerweise war seine Auserwählte eine Biene. Doch Marvin war das egal, denn alles passte. Er war fasziniert von ihr und gebannt von den Geschichten, die sie erzählte und von den Orten, an die sie schon geflogen war. Endlich verstand ihn jemand und seine Gabe schien plötzlich keine Bürde mehr zu sein. Doch zu Marvins Enttäuschung blieb die Biene nie länger als wenige Minuten bei ihm. Und so dauerten die glücklichen Momente immer nur kurz. Viel zu kurz.

Marvin wusste sehr wohl, dass die Geschichte nicht gut ausgehen konnte, aber das kümmerte ihn wenig. Jeden Tag steckte er seinen Kopf aufs Neue aus dem Erdloch und wartete, bis seine Biene auftauchte. Er konnte nicht aufhören. Wieder und wieder, bis die Biene eines Tages nicht mehr wiederkam. Marvin hatte auf diesen Tag mit Bangen gewartet und dachte, er war vorbereitet – es half doch wenig. Verzweifelt kroch er zurück in die Höhle.

Es dauerte nur wenige Tage, bis seine Augen schlechter und schlechter wurden. Er war die Dunkelheit in der Höhle schlicht nicht gewohnt. Doch plötzlich interessierten sich die Maulwurf-Damen für ihn, jetzt, da er Schritt für Schritt so blind wie alle anderen wurde. 
Da wusste Marvin, dass es Zeit war, zu gehen.

Als er aus dem Erdloch schlüpfte, blendete ihn die Sonne und es brauchte einen kurzen Moment, bis Marvin die Augen nicht mehr zukneifen musste. Doch bald sah er endlich wieder klar. Seine Verzweiflung wich und er fühlte sich regelrecht unbeschwert. Raus in die Welt – da ist es, wo er hingehört. Tagelang zog Marvin durch die Wiesen und Felder. Er erlebte mehr, als er sich je erträumt hätte. Er sprach mit unzähligen Tieren und fragte sich oft, wie er früher ohne all das leben konnte.

Als er von weitem einen Bienenstock erkannte, zog Marvin lächelnd vorbei. Die Erinnerungen an die Biene taten mittlerweile nicht mehr weh. Als der Bienenstock schon fast außer Reichweite war, hörte er von weitem ein leises Summen. Und da, so unverhofft, landete eine kleine Biene auf seinem Rücken.

Ich wache so schlagartig auf, als hätte mir jemand eine Ohrfeige verpasst. Für einen kurzen Moment weiß ich nicht, wo ich bin. Ich schaue auf die leere Bettseite und die Erinnerungen kommen zurück.

Plötzlich wünschte ich, ich wäre noch im Traum.

Heute werde ich den Maulwurf im Garten vertreiben.

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Marvin