Der Vollidiot und/bin ich

 Folge 6 | erhaltenes Stichwort: Notdurft (=shit)

Es gibt Augenblicke, in denen ich mich selbst verachte. Und das zurecht. Wäre ich doch nur mutig aufgestanden, denke ich, hätte ich nur meine Meinung gegeigt. Die folgende Geschichte ist deshalb allen Menschen gewidmet, die manchmal die Hosen voll haben und wünschten, es wäre anders.

Die U-Bahn ist voll, keiner redet. Menschen sind vertieft in E-Books und Handys, hören Musik oder geben vor, zu schlafen. Ich stehe – wie immer. Aber das kennt man ja schon: Die Chance, zur Rushhour in London Bermondsey einzusteigen und einen freien Sitzplatz vorzufinden ist etwa so hoch, wie Salmonellen von einem Gummibärchen zu bekommen. Also nicht so hoch.

An der nächsten Haltestelle steigt ein älterer Mann mit Sonnenbrille ein. Mein erster Gedanke: Er sieht ein wenig aus wie Mitt Romney. Naja, vielleicht ein bisschen verschrumpelter. Außerdem hat er Sandalen. Okay, vielleicht doch nicht Mitt Romney. Aber ein älterer Mann.

Die ersten Menschen um mich werden ungeduldig, denn die Türen schließen nicht. Eine U-Bahn, die länger als zwei Minuten an einer Haltestelle steht, ist nicht normal. Kurz darauf kommt eine Durchsage von der Fahrerin – gleich geht's weiter, es gab anscheinend Probleme mit einer U-Bahn vor uns.

Plötzlich dreht sich Nicht-Romney zu mir um: „These announcements are shit! This ain't English!“. Dann schaut er mich an, in der Hoffnung auf Zustimmung. 

Klar, man konnte am Akzent der Durchsage erkennen, dass es eine Afro-Amerikanerin war, aber wer redet in London schon ohne Akzent?

Den nächsten Augenblick erlebe ich seither nur noch von einem unbekannten Ich, das die Situation von der Decke betrachtet. Ein unschuldiger Beobachter sozusagen, der nichts mit dem überrumpelten, jungen Vollidioten zu tun hat, der gleich als Antwort nicken wird, nur um seine Ruhe zu haben. Ja, das bin ich.

In den nächsten Minuten spielen sich zwei parallele Prozesse in meinem Gehirn ab: Ich werde wütend über Nicht-Romney und ich werde sehr wütend über mich selbst.

„Meine Güte, bin ich denn gehirnamputiert? Ich lasse ihn durchgehen mit dem Schwachsinn, dieses Arschloch, das sich über einen englischen Akzent beschwert – in London, einer Stadt, in der es mehr Akzente gibt als Bakterien in der U-Bahn. Und das will was heißen. Und ich bin auch noch selber Ausländer. Ich hätte alles tun können – nichts zum Beispiel, einfach ignorieren – nur nicht zustimmen. Warum, du Hornochse? Warum?

In meinen Gedanken habe ich die fehlende Schlagfertigkeit längst aufgeholt. Ich bin schon lange aus der U-Bahn draußen, aber in meinem Kopf habe ich mir die wildesten Antworten ausgedacht. Ich hätte ihm in meinem schrecklichsten, deutschen Akzent antworten können: „Yes, sir, I ssink ssey didn't lörn how to speak English propärly.“
Mittlerweile bin ich mental so durchtrainiert, dass ich das nächste Mal mit einer eleganten Pointe sein ganzes Weltbild ins wanken bringen kann – auf in den Kampf, du Waschlappen. Stell dich, mach ihn platt, den Sauhund!

Hoffentlich überrumpelt er mich dann nicht wieder so dreist.

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Tatort: Londoner U-Bahn